Band Fotos: Guenay Ulutuncok

Lieder und Geschichten
im Transit

Die Besetzung an sich ist schon schräg: Schlagzeug, Klarinette und Akkordeon. Dazu kommt noch Schrägeres wie ein Basspedal, singende Sägen oder Shouting. Außerdem kommen natürlich auch herkömmlichere Ausdrucksformen wie das normale Singen, Mimen und einfaches Erzählen zum Einsatz. So jedenfalls präsentieren Die Mampen mit „Lieder im Transit“ einen spannend-unterhaltsamen Showabend, welcher seinesgleichen vergeblich sucht.

Uns allen bekannte Hits von „La Paloma“ bis hin zur „Blowin‘ in the Wind“, von „Boşvermişim Dünyaya“ bis „Torna a Surriento“ - wortwörtlich uns a l l e n bekannte Stücke - werden in dieser Musikrevue interpretiert und seziert.

Sezieren heisst, die Entstehungsgeschichte des jeweiligen Songs und seine ursprünglichen Interpreten oder Komponisten beleuchten.

Unglaubliche aber wahre Geschichten, teils urkomisch, teils zum Weinen - werden erzählt auf die Art und Weise, wie Dario Fo es einst mit seiner legendären Mistero-Buffo-Monologe machte. Hier geht es jedoch nicht um Päpste, sondern um Stars, ihre Erlebnisse und Geschichten.

Das Musikrepertoire sollte dem Geschmack der drei Mampen entsprechen: Rock’n’Roll, Jazz-Standards, Klezmer, Rembetiko: „Songs, die wir immer spielen wollten, wovor wir uns aber scheuten.“ Erst während der Recherche wurde der gemeinsamer Nenner klarer: Die ausgewählten Stücke sind Lieder, die bei der Flucht, auf Reisen oder in der Ferne geschrieben oder gesungen wurden und werden. Also, „Lieder im Transit“.

„30% mehr
Sprachen als je“

Der Slogan der Mampen sollte ein Witz sein. In diesen außerordentlichen Zeiten wirkt er jedoch politisch provokativ. Auch das war nicht geplant. Die Revue ist und bleibt trotz alledem gnadenlos mehrsprachig und bunt. Denn das liegt in der Natur der „Mampen“.

Vor Kurzem musste Musiker und Filmemacher Nedim Hazar wieder nach Deutschland zurückkehren. Er hatte gut 15 Jahre als Regisseur und Autor Karriere im türkischen Fernsehen gemacht und wurde am Ende gefeuert. Seine deutsche Ehefrau wurde als Staatsfeindin abgeschoben und ausgewiesen.

Zwar mit deutschem Pass kamen sie aber dennoch wie Flüchtlinge hierher zurück. Hazar will wieder Musik machen, trifft ehemalige Kollegen, Klarinettist Alessandro Palmitessa und Schlagzeuger Klaus Mages („New York, Rio, Tokio“). Es funkt sofort, vor allem durch die rührende Geschichte von Coco Schumann, den Hazar früher für den WDR interviewte. Als Namen einigt man sich gleich auf "Die Mampen" - ein von Schumann übertragener Altjargon für Kinder aus jüdischen und deutschen Ehen. Mampe ist kein Schimpfwort etwa wie „Kanake“. Anlehnend an das gleichnamige Cocktail-Mix-Getränk haben sich die Betroffenen in den 1930ern in Deutschland selbst so genannt.

„All Those Turks!“

Eartha Kitts unvergesslicher Nebensatz „Alle diese Türken“ in ihrem Welthit „Usku Dara“ deutet augenzwinkernd auch auf den Machismus türkischer Männer. Eartha Kitt, die türkische Popdiva Ajda Pekkan und die griechisch-armenische Sängerin Marika Ninou sind auch vertreten in der Musikrevue „Lieder im Transit“. Wie? Ein türkischer Politiker - nein, nicht Erdogan, hätte aber sein können - teilte seinerzeit mit, „Wenn Kommunismus gut fürs Land sein soll, dann werden wir ihn selbst einführen. Niemand anders.“ Die Weltdiven werden also von den männlichen Mampen selbst gespielt. Die beiden älteren, Hazar und Mages, agieren selbst wie Diven auf der Bühne. Das jedenfalls stellt Palmitessa fest und weist sie auf die Casa Verdi hin, das Altersheim für Musiker bei Mailand, gestiftet vom Maestro Guiseppe Verdi selbst.

Selbstironisches und Autobiografisches werden verwoben mit den Geschichten von Ausnahmestars wie beispielsweise Harry Belafonte. Als er 1955 während einer Tournee an einer Tankstelle im amerikanischen Süden pinkeln will und den Reißverschluss aufzieht, ertönt hinter ihm eine leise Stimme: „Ein Tropfen, und du bist tot, Nigger.“ Es ist ein Polizist mit der Hand an seinem Holster. Belafonte hat das Schild „Nur für Weisse“ übersehen.

Theater, Kabarettistisches aber vor allem Musik, gesungen konsequent auf Deutsch, Englisch, Türkisch, Griechisch, Kurdisch, Jiddisch, Italienisch, Arabisch und Spanisch. Das ist die Musikrevue „Lieder im Transit.“